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Die Politik der Demütigung- Ute Frevert- Schauplätze von Macht und Ohnmacht-S. Fischer

#Ute_Frevert, die mehrfach ausgezeichnete Autorin dieses Werkes zählt zu den wichtigsten deutschen Historikern. Sie hat Neuere Geschichte in Berlin, Konstanz und Bielefeld gelehrt, war Professorin an der Yale Universität und leitet seit 2008 den Forschungsbereich "Geschichte der Gefühle" am Max -Planck Institut für Bildungsforschung in Berlin.

Im vorliegenden Buch verdeutlicht sie wie sich #Demütigung als Machtmittel im Laufe der letzten 250 Jahre verändert hat. Die Autorin fragt, woher das Bedürfnis, andere Menschen, sogar die eigenen Kinder vorzuführen und öffentlich bloßzustellen, kommt. Sie möchte wissen, welchen Zweck und welche Wirkungen solche Beschämungen entfalten und weshalb sie sogar in Gesellschaften verbreitet sind, die Würde und Respekt groß schreiben. In diesem Zusammenhang fragt sie, ob hier tatsächlich das "finstere Mittelalter" fortlebt oder ob die aufgeklärte Moderne eigene Beschämungsenergien mobilisiert und neue Demütigungspraktiken erfindet.

In der öffentlichen Beschämung werde stets Macht demonstriert. Das geschieht, indem der Beschämende andere Menschen vor Augenzeugen in die Knie zwingt, um auf diese Weise seine herausgehobene Position zu bekräftigen. Scham sei eine soziale, interpersonale Emotion. Deshalb findet das Drama von Macht und Ohnmacht, Scham und Schande, Täter und Opfer stets auf öffentlichen Schauplätzen statt. 

Für den Philosophen Avishai Margalit, den Frevert u.a. in ihrem umfangreichen Werk erwähnt, zeichnet sich eine anständige Gesellschaft dadurch aus, dass ihre Institutionen Menschen nicht demütigen und deren Würde achten. 

Heutige Gesellschaften nutzten Beschämung und Demütigung als soziale und politische Machttechnik. Indem eine Person öffentlich vorgeführt wird, wird sie symbolisch aus der Gruppe ausgeschlossen und bestraft. Demütigungen lassen sich als Praktiken der Nichtachtung begreifen. Ziel sei die Zerstörung jeglicher Ehre und Achtung, einschließlich der Selbstachtung. "Geltungswert" und "Achtungsanspruch" sind nur schwer wieder herstellbar nach einer öffentlichen Beschämung oder Demütigung. Das unterscheidet diese von Beleidigungen. Letzteren fehle das Element der Macht, zudem der sanktionierende Charakter. 

Scham als soziokulturelle Konvention erlernen Kinder von ihren Bezugspersonen dadurch, dass sie diese beobachten, sie von diesen angeleitet oder korrigiert werden. Frevert klärt in drei großen Abschnitten auf, wie im Laufe der Geschichte Demütigung als wirkungsvolles Machtmittel gesellschaftlich und politisch eingesetzt wurde. Von Schand- und Ehrenstrafen in der frühen Neuzeit über den "Symbolischen Pranger" im Nationalsozialismus, hin zu den öffentlichen Beschämungen im Hier und Heute, aber auch in der Sprache der Demütigung in der internationalen Politik werden eine Fülle von Fakten und Praktiken der Beschämung ausgebreitet, die bekunden, wie Menschen  bzw. Regime handeln, die andere um jeden Preis dominieren wollen. Das Internet bietet unerschöpfliche Möglichkeiten der Demütigung Dritter an. Dies sollte zu denken geben.

Die Tatsache, dass die Menschenwürde hierzulande ein Rechtsgut ist, hindert Ellenbogenmenschen in unserer Gesellschaft nicht, sich mit dem Mittel der Demütigung durchsetzen zu wollen. Sich deren abgründige Absichten bewusst zu machen- das Buch hilft dabei- ist eine sinnstiftende Möglichkeit, einer auf  Anerkennung und Respekt basierenden Gesellschaft den Weg zu ebnen.

Sehr empfehlenswert,

Helga König

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Die Politik der Demütigung: Schauplätze von Macht und Ohnmacht

Rezension: Lob der Macht- Rainer Hank- Klett-Cotta

Autor dieses Buches ist der mehrfach ausgezeichnete Wirtschaftsjournalist #Rainer_Hank. Er ist seit 2001 Leiter der Wirtschafts- und Finanzredaktion der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. 

In der vorliegenden Publikation befasst er sich ausgiebig mit dem Phänomen der Macht, um schließlich für ein neues, unverkrampftes Verhältnis zur Macht zu plädieren. In seiner Machtbeschreibung macht er deutlich, dass Macht Raum benötigt, sie verkörpert werden muss und zur Repräsentation erzwingt. Macht sei stets mehr als eine Idee, sie  sei immer sichtbare Realität. Dabei ist sie stets auf Akzeptanz angewiesen. Insofern sei Populismus eine notwendige, wenngleich noch nicht hinreichende Voraussetzung jeder Machtpolitik. 

Macht, die meine, sich solipsistisch und ausschließlich egoistisch durchsetzen und verteidigen zu können, werde mit Sicherheit scheitern. Macht könne man sich nicht nehmen, man bekomme sie verliehen. Hank belegt dies an Beispielen. 

Bei allem sei sich Macht ihrer selbst nicht sicher, insofern eine riskante Angelegenheit. Macht sei zudem bestreitbar und werde unablässig bestritten.

Davon ausgehend, dass Macht weder gut noch böse sei, betrachtet der Autor sie als bloße Wirklichkeit, die es gerade in ihrer Ambivalenz anzuerkennen gelte. Macht halte weder etwas von Moral noch von Recht. Versuche sie ihnen unterzuordnen müssten scheitern, weil Macht ihr eigenes Reich und Recht beanspruche. Sie bediene sich unterschiedlicher Mittel sich durchzusetzen, so etwa des Neides, der Rache aber auch einfühlender Empathie. Jedes Mittel, das zielführend sei, sei ihr recht. Wer Macht anstrebt, benötige ein gerütteltes Maß an Selbstüberschätzung, komme am raschesten zum Erfolg, wenn er seinen Machttrieb moralisch tarnt, liest man und darf sich anhand von Beispielen von dieser und anderen Thesen im Buch überzeugen. 

Man lernt namhafte Machtbiographien aus der Wirtschaft kennen, so etwa jene von Thomas Middelhoff, Martin Winterkorn und Ferdinand Piech. Zudem reflektiert Rainer Hank Fortune im Zusammenhang mit Macht und zeigt, dass sie nicht selten als Entlastung herhalten muss, um eigenes Versagen im Machtkarussell zu relativieren. 

Ohnmacht ist  logischerweise  auch ein Thema. Hier wird auch zur Sprache gebracht, dass sie Anstoß zur Emanzipation sein kann und es wird daran erinnert, dass der Mächtige und der Machtlose in einem symbiotischen Verhältnis wechselseitiger Abhängigkeit stehen, das letztlich beiden schadet.

Mit Geld- es ist die Brechstange der Macht - ist es möglich in einer Marktwirtschaft Macht zu kaufen. Geld ist der Hebel, der auf den Finanzmärkten dazu dient, den Einsatz und damit Macht zu vervielfältigen. 

Hank zeigt, wieso Utopien der Machtlosigkeit scheitern müssen. Der Autor erwähnt hier Thomas Morus und dessen Utopie, aber auch Francis Bacon, um die Problematik aufzuzeigen. 

Für den Wirtschaftsjournalisten der FAS ist eine Macht-Gesellschaft, in der alles auch anders sein kann (gemeint ist eine Gesellschaft, in der es Wettbewerb gibt) der Gesellschaft der Machtlosigkeit vorzuziehen. Sofern der Preis der Utopie der Machtlosigkeit ein System der Unterdrückung sei, könne man am Ende nur ein Loblied auf die Macht anstimmen. 

Ich möchte dieser Meinung weder zustimmen, noch sie verneinen, sondern sie einfach so im Raum zur Diskussion stehen lassen. 

Lesenswert ist das Buch sehr, obschon mir der Titel überaus provokant erscheint. Doch offenbar ist genau dies gewollt. 

Empfehlenswert für alle, die begreifen möchten wie und warum Macht funktioniert und weshalb es Argumente gibt,  mit ihr entspannt umzugehen.

Helga König

Überall im Fachhandel erhältlich

Rezension: Die Aufklärung- Johann Saltzwedel (HG.)- Das Drama der Vernunft vom 18. Jahrhundert bis heute- DVA

Herausgeber dieses Buches ist der SPIEGEL-Redakteur Johann Saltzwedel. Er lässt im hier vorliegenden Werk eine Vielzahl von Spiegelautoren und Historiker zu Wort kommen, die die Epoche der Aufklärung in ihrer ganzen Vielfalt und Vielstimmigkeit darstellen. 

Untergliedert sind die Texte in vier Kapitel 

1. Vom Glauben zur Erkenntnis 
2. Vernunft für eine bessere Welt 
3. Neugierde und Sensibilität 
4. Das Erbe der Epoche 

Den vier Kapiteln vorangestellt sind das Vorwort und die Einleitung des Herausgebers. 

Für die Aufbruchstimmung der Epoche der Aufklärung war kritisch- unbefangenes Fragen entscheidend. Einigkeit bestand seitens der europäischen Intellektuellen in den Zielen: religiöse Toleranz, Bildung möglichst vieler Menschen, freie öffentliche Diskussion um die besten Argumente und Methoden, bürgerliche Solidarität anstelle von Fürstenwillkür und Untertanengeist, Vernunft und Selbstdisziplin zum Wohle nicht nur eines Landes, sondern vielmehr globaler Humanität, so Saltzwedel. Umstritten blieb, wie sich die Ideale realisieren ließen und wo der Schwerpunkt zu lokalisieren war. Die Grundfragen nach Vernunft und Humanität, Menschlichkeit und Natürlichkeit, um die damals gerungen wurde, sind leider noch immer unbeantwortet.Von daher bedeute Aufklärung zu studieren und sie stets aufs Neue zu betreiben.

Unmöglich hier die vielen Beiträge zu benennen. Nicht unerwähnt lassen möchte ich aber  das Interview, das Johannes Saltzwedel mit dem Historiker Prof. Dr. Martin Muslow führte, der den Untergrund radikaler Aufklärer erforscht, die für ihre Überzeugung ihre Existenz riskierten. Erwähnen auch möchte ich natürlich die "Encyclopédie", in der das gesamte Menschheitswissen versammelt werden sollte. Saltzwedel nennt es das wirkungsvollste intellektuelle Unternehmen der Aufklärung und sieht darin den Vorboten zur Revolution. 

Man liest von Denis Diderot, der gemeinsam mit 140 Dichtern, Denkern, Mathematikern, Ärzten und Philosophen an der "Encyclopédie" arbeitete. Die Obrigkeit und die Zensurbehörden reagierten mit Verboten und Schikanen, doch sie vermochten das Kompendium der Aufklärung nicht zu verhindern und so wurde es zum Vorboten der Revolution. Denis Diderot verfasste selbst rund 5000 Artikel. Er starb übrigens 5 Jahre vor dem Sturm auf die Bastille. 

Auch Rousseau ist ein Thema im Buch. Wie kaum ein anderer hat er die Zivilisation kritisiert. Der "Visionär reiner Menschlichkeit" wie Romain Leick ihn nennt, war unter den Aufklärern ein Außenseiter. Man liest über Rousseaus Erziehungsroman "Émile", ein Buch, das in Paris veröffentlicht und in Genf verbrannt wurde und erfährt, dass der Außenseiter zugleich modern wie antimodern war, ein Utopist und ein Kulturpessimist, vor allem jedoch der träumende Verkünder der natürlichen Güte der Menschen- und der Entdecker des Kindes.

Lessing soll ein Musterfall eines Aufklärers gewesen sein. Für ihn war Aufklärung Suche. Er dachte sie radikal als Prozess, schreibt C-F Berghahn. Man liest u.a. über Lessings aufklärerische Ästhetik und natürlich über sein letztes Stück "Nathan der Weise"- Hier hat er die großen Themen seines Lebens gebündelt und unter dem Leitmotiv der Toleranz zusammengeführt. 

Freiherr von Knigge übrigens soll ein umtriebiger Weltverbesserer gewesen sein. Über ihn informiert Angela Gatterburg. Sie hat zudem auch über die Freimauer geschrieben, deren Ursprünge im Mittelalter liegen. Lessing, Goethe und auch Mozart gehörten diesem Geheimbund an, der offenbar auch aufklärerische Elemente besaß. 

Der Göttinger Experimentalphysiker Georg Christoph Lichtenberg war wohl einer der größten Geister der Spätaufklärung und bekannt für seine Aphorismen. Seine Vorlesungen sollen stets überlaufen gewesen und es sollen Gelehrte aus halb Europa zu ihm nach Göttingen gepilgert sein. Ganz ähnlich wie zum wichtigsten Anreger der bürgerlichen Aufklärung in Deutschland, dem Philosophen Immanuel Kant, über den Alexander Kosenina schreibt.

Das wunderbare Buch hilft dabei zu begreifen, weshalb Aufklärung ein Prozess ist, der vermutlich niemals aufhört, solange es Menschen gibt. 

Johann Gottfried Herder sagt nicht grundlos: "Alle Aufklärung ist nie Zweck, sondern immer Mittel; wird sie jenes, so ist's Zeichen, dass sie aufgehört hat, dieses zu sein."

Zweck kann im Grunde nur die Humanität sein, ein Ziel das noch sehr viel Aufklärung nötig hat, wie wir alle wissen.

Empfehlenswert 

Helga König

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Die Aufklärung: Das Drama der Vernunft vom 18. Jahrhundert bis heute - Ein SPIEGEL-Buch

Rezension: Der große Ausbruch- Von Armut und Wohlstand der Nationen- Angus Deaton Klett-Cotta

Angus Deaton ist Professor für Wirtschaftswissenschaften in Princton. Für seine Analysen von Konsum, Armut und Wohlfahrt erhielt er 2015 den Nobelpreis für Wirtschaft. Im vorliegenden Buch berichtet er wie der Wohlstand langsam zunahm, wie und weshalb es zu Fortschritten kam und wie sich im Anschluss daran das Wechselspiel zwischen Fortschritt und Ungleichheit gestaltete. 

Wenn Deaton über Freiheit spricht, dann meint er die Freiheit, ein gutes Leben zu führen, um Dinge zu tun, die das Leben lebenswert machen. Der Autor unterstreicht, dass der Mangel an Freiheit gleichbedeutend mit Armut, Entbehrung und schlechter Gesundheit sei. Besagtes Schicksal erleiden leider immer noch ein empörend hoher Prozentsatz der heutigen Weltbevölkerung. 

Vor etwa 250 Jahren begann die Menschheit die Ketten von Tod und Entbehrung zu sprengen, so der Nobelpreisträger. Diese Befreiung dauere bis heute an. 

Deaton macht deutlich, dass der gesundheitliche Fortschritt Gesundheitsungleichheiten erzeugt und zwar in der Weise wie der materielle Fortschritt Lebensstandards immer weiter auseinanderklaffen lässt. 

Das  sehr faktenreiche Buch ist in drei Teile untergliedert: 

Teil I Leben und Tod 

Teil II Geld 

Teil III Helfen 

Diesen Teilen vorgeschaltet ist die Einleitung und ein Kapitel, das die Überschrift "Wohlbefinden – eine globale Bestandsaufnahme" trägt. 

Teil I befasst sich mit dem Thema Gesundheit. Hinterfragt wird, auf welche Weise die Vergangenheit noch immer unseren heutigen Gesundheitszustand prägt, weshalb die Hunderttausende von Jahren, die die Menschen als Jäger und Sammler verbrachten, für das Verständnis unseres heutigen Gesundheitsstatus von Bedeutung sind und weshalb die Revolution der Sterblichkeit, die im 18. Jahrhundert ihren Anfang nahm, Maßstäbe setzte, die sich in den heutigen Fortschritten im Bereich der Gesundheit widerspiegeln. 

Teil II  reflektiert die materiellen Lebensstandards. Dabei betrachtet der Autor die Lebensstandards in der Welt gesamt. Hier zeigt sich ein Rückgang der globalen Armut seit 1980, dessen Ursachen im Wirtschaftswachstum von China und Indien begründet liegen. Trotz dieser Tatsache leben allerdings nach wie vor 1 Milliarde Menschen in furchtbarer Armut. Den "Ausbruch", um den es Deaton  als Verwirklichung eines alten Menschheitstraums (Paradies auf Erden) geht, haben demnach leider noch immer nicht alle geschafft.

Teil III Hier geht es darum, aufgrund der Befunde der vorhergehenden Kapitel, was zu tun und zu unterlassen ist, um die Armut und die Krankheiten weltweit zu bekämpfen. Deaton sieht eine moralische Verpflichtung für alle Menschen darin, die in wohlhabenden Ländern geboren werden, allen zu helfen, die Armut und Krankheit noch nicht entkommen sind. Die Chancen stehen nicht schlecht trotz vieler Gefahren, die unserer Zivilisation drohen, vor allem der Klimawandel, für den es noch keine klare, politisch umsetzbare Lösung gibt. 

Das Bildungsniveau wird weltweit steigen und so wird die Wahrscheinlichkeit trotz aller Rückschläge und Hindernisse immer größer, dass die Menschheit sich in ihrer Gesamtheit von Armut und Krankheit befreien wird. Voraussetzung allerdings ist Fairness und Offenheit derer, die bereits befreit sind. Handelshemmnisse aufzuheben ist eine wichtige Maßnahme, um in der gesamten globalisierten Welt Wohlstand und Gesundheit zu ermöglichen.

Prof. Dr. Angus Deaton in seinen Empfehlungen zu folgen, heißt sinnstiftend zu handeln.

Empfehlenswert

Helga König

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Der große Ausbruch: Von Armut und Wohlstand der Nationen

Rezension: Digitale Erschöpfung- Wie wir die Kontrolle über unser Leben wiedergewinnen-Markus Albers- Hanser

Markus Albers, der Autor dieses Buches ist Mitbegründer und Geschäftsführender Gesellschafter von Redthink als auch der Beratungsplattform Neuwork. Albers hat bereits zwei Bücher geschrieben, zu denen er Vorträge hält, zudem moderiert er Panels und Workshops und schreibt Kolumnen. 

Thema der vorliegenden Publikation ist unsere neue Arbeitswelt, die nicht nur sehr stressig ist, sondern offenbar auch Zeit raubt für ruhiges, besonnenes, effektives Arbeiten. 54 Prozent aller Berufstätigen in Deutschland arbeiten nach einer aktuellen Studie "teilweise oder ausschließlich" mobil. Ihre Arbeiten erledigen sie von wechselnden Orten aus bzw. auf Reisen. Dabei nutzen sie Laptops (97%), Smartphones (93%), oder aber Tablets (62%). 

Die Entwicklung zeigt: Es ist davon auszugehen, dass die Präzenskultur am Arbeitsplatz ausstirbt. Mittlerweile hat sich herumgesprochen, dass die Anwesenheit am Arbeitsplatz keine Qualifikation und kein Leistungsnachweis sind.

Die neue Art des Arbeitens führt zum sogenannten Multitasting, d.h. mehrere Aufgaben werden gleichzeitig erledigt und das überfordert lt. Digital Work Report nahezu jeden zweiten Deutschen. 40 Prozent der Befragten klagten über zu viele E-Mails; 35 Prozent über zu viele ineffiziente Meetings, so Albers. 

Die vormalige Hoffnung, dass Technologie ein besseres Leben ermöglicht, weicht mittlerweile der Ernüchterung. Digitale Erschöpfung im Buch meint die konkrete, individuelle Erschöpfung, die das Always-On des Digitalen in uns Menschen auslöst, zugleich aber auch die abstrakte, begriffliche eines in sich erschöpfenden Heilsversprechens. 

Der Autor zeigt auf, wie man trotz der unumkehrbaren Digitalisierung unserer Arbeitswelt und in der Folge unseres gesamten Lebens Inseln der Autonomie, der Introspektion und des unverstellten menschlichen Miteinanders zurückerobert. Das macht er übrigens sehr gut.

Untergliedert in zwei große Abschnitte, lernt man zunächst die Irrwege in Zeiten der Digitalisierung kennen, um anschließend auf eine Vielzahl von Auswegen hingewiesen zu werden, die wieder sinnstiftendes Leben und Arbeiten ermöglichen. Man erfährt mehr über das sogenannte neue Arbeiten und was deren Befürworter konkret wollen. Dem Wunsch der Arbeitnehmer von überall arbeiten zu dürfen, wird dadurch nachgegeben, indem alle Arbeitsprozesse digitalisiert werden und jeder extern digital auf die Daten zugreifen kann. Die Folge: Neue Büros benötigen weniger Einzelräume und mehr Großräume, mehr Räume für zufällige Begegnungen. 

Wichtig sind neue Kommunikationstools: digitale Kollaborationsplattformen und Projektmangement-Software, Filessharing-Tools, firmeninterne Social Netwoorks, Meeting-Software. Dieses System sollte dann auf allen Hierarchieebenen gelebt werden. 

Man liest über das Verhaltensmuster von Smartphonebesitzer, die 88 Mal am Tag im Schnitt ihr Handy einschalten und etwa 2,5 Stunden an diesem Gerät zubringen, jedoch nur etwa 7 Minuten davon telefonieren.  Damit gilt es, sich auseinanderzusetzen.

Albers beleuchtet u.a. das Thema "Kollaboration"  und resümiert, dass diese nicht selten der Feind von Konzentration sei. Entschleunigen und sich in Achtsamkeit zu üben,  verbessert die Fähigkeit sich zu konzentrieren. Keiner muss ständig online sein, keiner muss pausenlos kollaborieren. 

Sehr gut werden im 2. Teil des Buches die Auswege aus dem Erschöpfungszustand beschrieben und individuelle Strategien benannt, so etwa zu bestimmten Zeiten das Gerät auszuschalten, die Komplexität zu reduzieren, die Technik klug einzusetzen, Meetings und Verabredungen auf Sinn überprüfen, bevor man zusagt, neben der To-do-Liste auch eine Not-To-do-Liste pflegen, Arbeiten klüger zu organisieren und anderes mehr. 

Die Kommunikationsgesellschaft muss lernen mit den Kommunikationsmitteln weniger besessen umzugehen, wenn sie sich nicht verzetteln möchte. Sich ständig abzulenken, führt zu paralysiertem Verhalten und zu Frustration. Kreativ und zufrieden kann nur der sein, der Zeit findet, sich mit einem Thema ungestört zu befassen und nicht ständig mit seinen Augen und Händen woanders ist. 

Empfehlenswert
Helga König

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Digitale Erschöpfung: Wie wir die Kontrolle über unser Leben wiedergewinnen

Rezension Peter J. König: Europa gegen die Juden 1880 – 1945-Götz Aly- S. Fischer

Der Historiker und Journalist Götz Aly hat sich in seinem neuesten Buch, erschienen im S. Fischer Verlag erneut mit der Frage beschäftigt, wie es in Europa zu dem entmenschlichten Phänomen des Holocaust kommen konnte, wo dieses Europa doch über Jahrhunderte für einen Prozess der Kultivierung steht. 

Götz Aly hat bereits in mehreren lesenswerten Büchern, die in viele Sprachen übersetzt wurden, aufgezeigt, welchen Diskriminierungen die Juden weltweit, aber ganz besonders in Europa ausgesetzt waren. Pogrome gegen Juden hat es zu allen Zeiten gegeben, massive Beschränkungen und Benachteiligungen und Verfolgungen, auf Grund der Tatsache, dass sie überall als Eindringlinge und gesellschaftliche "Schmarotzer" gesehen wurden ebenfalls. Das gesamte Mittelalter über waren Juden in ganz Europa ausgegrenzt, sie wurden gesellschaftlich geächtet, wirtschaftlich diskriminiert und immer wieder verfolgt und getötet. 

In dem hier vorliegenden Buch stellt und untersucht Götz Aly die Frage, warum hat sich der Verfolgungswahn gegenüber Menschen jüdischen Glaubens seit Beginn des 19. Jahrhunderts in Europa so intensiviert, um schließlich dort zu enden, was die Nazis mit aller Perfektion durchgeführt haben, den Versuch der systematischen Ausrottung eines ganzen Volkes. 

Der Autor hat mit sehr viel Akribie den Zeitraum von 1880 bis 1945 unter die Lupe genommen, um anhand belegter Dokumentationen nachzuweisen, dass mit dem Aufbruch der bürgerlichen Gesellschaften in Europa zu Ende des 19. Jahrhunderts eine gravierende Zunahme von Pogromen und Vertreibungen in den meisten Ländern Europas mit einherging. Mit der industriellen Revolution begann der Wechsel von der Feudal-, hin zu einer Bürger-Gesellschaft, begleitet durch den Wechsel von einer Agrar-Struktur zu einer Vermassung in großen Städten und Ballungszentren. 

Vom einfachen Bauer und Landarbeiter ging die Entwicklung hin zu Arbeitern in Fabriken, Angestellten und selbstständigen Berufen, die oftmals neue Bildungschancen auch für nicht Privilegierte ermöglichten. Gleichzeitig entwickelte sich mit dem aufkommenden Bürgertum eine immer stärker werdende Nationalisierung, einhergehend mit Abschottung der einzelnen Länder untereinander. Diese starke Rivalität und der Machthunger in Europa führten zum Ersten Weltkrieg. Wurden die Juden schon zu diesem Zeitpunkt in allen Ländern bereits extrem unterdrückt, so erwiesen sie sich doch als loyale Untertanen, ob in Russland, in Deutschland oder allen anderen europäischen Staaten, indem sie als Soldaten für ihr Land in den Krieg zogen. 

Gedankt wurde es ihnen nicht, ganz im Gegenteil. Im Zuge des immer stärker werdenden Nationalismus versuchte man sie, als nicht zugehörig, aus den "Volkskörpern" zu eliminieren. Allgemein wurden sie als Angehörige eines fremden Volkes betrachtet, des jüdischen Volkes, das verstreut über die ganze Welt, vermeintlich die Herrschaft in den einzelnen Nationalstaaten übernehmen wollte, um schließlich in einer jüdischen Weltherrschaft zu enden. Das Mittel dazu wurde in dem höheren Bildungsgrad und damit verbunden die Dominanz bei den akademischen Berufen oder im schnelleren Aufstieg beim Militär ausgemacht.

Gerade in den östlichen Staaten war die Durchschnittsbevölkerung nicht in der Lage der aufstrebenden jüdischen Mittelschicht Paroli zu bieten. Sie war einfach intelligenter, fleißiger und zielstrebiger und hat deshalb nicht nur den weitaus größeren Anteil an Studierenden gestellt, die auch mit maximalem Erfolg und in kürzester Zeit ihr Studium beendet hat, um dann die führenden Positionen im Staat als Juristen, Ärzte, Journalisten, Verleger und Buchautoren einzunehmen. Auf diese Weise war es den Juden überhaupt gelungen, die vergangenen Jahrhunderte zu überleben.

Dies hat in der angestammten Bevölkerung zu massivem Hass, Neid und Aufruhr geführt. Gleichgültig in welchem Land in Europa, die Juden wurden angefeindet, mit erheblichen Benachteiligungen belegt, so etwa mit besonderen Gebühren zum Studium, wenn sie nicht gleich quotiert oder ausgeschlossen wurden. Händler, Handwerker und Selbständige hatten erhebliche Abgaben zu leisten, um so durch einen Wettbewerbsnachteil sie nach und nach aus ihren Geschäften zu drängen.

Wer nun glaubt, dies sei eine allein deutsche Vorgehensweise, der wird durch dieses Buch von Götz Aly eines Besseren belehrt. Selbst Frankreich, das Land, das sich Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit auf die Fahnen geschrieben hat, ließ sich von der ethnischen Nationalisierung hinreißen, um die Juden peu à peu zu unterdrücken und zu vertreiben.

In diese totale anti-jüdische Stimmung hinein kam es in Deutschland zu der Herrschaft der Nazis. Und dass Adolf Hitler die Juden in seiner Hetzschrift "Mein Kampf" als das alles bestimmende Übel in der Welt sah, das ausgerottet werden müsste, um die Zivilisation zu retten, hat schließlich den Ausschlag zum Holocaust bestimmt. Wenn auch nicht in allen Ländern die "Endlösung der Judenfrage" selbstständig umgesetzt wurde, Pogrome hat es ja bereits tausendfach in vielen Ländern in den vergangenen Jahrzehnten gegeben, ganz besonders in Russland zum Ende der Zarenherrschaft. Wenn also diese europäischen Länder nicht die gesamte Vernichtung ihrer eigenen jüdischen Bevölkerung in die Hände genommen haben, so waren sie fast ohne Ausnahmen vor und während der Besetzung durch die deutsche Wehrmacht bereit, die Juden zu vertreiben, ihr Vermögen sich einzuverleiben und als willige Helfer dafür zu sorgen, damit ihre gesamte jüdische Bevölkerung wenn möglich in die Deportationszüge nach Ausschwitz und Treblinka gepfercht und abtransportiert werden konnte.

Hier haben sich bis auf Schweden, Dänemark, Belgien und die Schweiz alle Europäer ausnahmslos beteiligt und schuldig gemacht.

Götz Aly hat in seinem Werk "Europa gegen die Juden" sehr eindeutig und unmissverständlich gezeigt, dass der Holocaust keine losgelöste Erfindung der Wannsee-Konferenz ist. Dort wurde die letztendliche Umsetzung der totalen Vernichtung der europäischen Juden beschlossen. Aber bereits seit vielen Jahrzehnten hat eine Diskriminierung und Vertreibung der Juden nahezu flächendeckend in Europa stattgefunden.

Für die Nazis war der Holocaust nur das logische Ende der Judenfrage, die sie auch mit deutscher Gründlichkeit zum Abschluss zu führen gedachten. Damit der Autor gar nicht erst in Verdacht gerät, krude Thesen aufzustellen, hat er sich strikt an belegbare Fakten gehalten, die seine geschichtliche Darstellung an Hand unzähliger Dokumente untermauert. Über den Holocaust ist vielfach geschrieben worden, Götz Aly zeigt hier ergänzend in welche gesamt-europäische antisemitische Stimmung der totale Judenmord eingebettet war und dass viele Länder ein großes Interesse hatten, die Juden aus ihren Staaten zu eliminieren. Die Gesamtlösung haben sie den Deutschen überlassen. Damit wollten sie dann offiziell nichts zu tun haben.

Das relativiert die Schuld der Deutschen allerdings nicht im geringsten und exkulpiert sie dementsprechend keineswegs. Ganz im Gegenteil, sie haben die tiefe antisemitische Haltung vieler europäischer Staaten und die besondere Situation des Krieges und der Besetzungen genutzt, um das grausamste Verbrechen der Menschheitsgeschichte zu realisieren.

Sehr empfehlenswert

Peter J. König

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Europa gegen die Juden: 1880 - 1945

Rezension: Gebrauchsanweisung für Populisten- Heribert Prantl- Ecowin

Herbert Prantl ist Mitglied der Chefredaktion der Süddeutschen Zeitung und verantwortet dort deren innenpolitischen Teil. Der Jurist, der als einer der wortgewaltigsten deutschen Journalisten gilt, hat nach seinem Studium der Rechtswissenschaften, Geschichte und Philosophie zunächst als Staatsanwalt und Richter gearbeitet, um dann der zu werden, der er heute ist. 

Das vorliegende Buch trägt den Untertitel "Wie man dem neuen Extremismus das Wasser abgräbt" und zeigt auf, dass nicht der Populismus es ist, der die Gesellschaft zerstört, sondern dafür vielmehr der populistische Extremismus verantwortlich sei. Der sogenannte Rechtspopulismus sei eine Entrechtungsbewegung, die als eine modernisierte Version des alten Rechtsextremismus begriffen werden muss, weil er mit den Mitteln der Ausgrenzung, mit sich steigernden Regelverletzungen arbeite. Bei diesen inszeniere er sich mit dem Gestus des mutigen Tabubrechers. Genau das sei in der Internetwelt besonders wirksam,"weil die irresten Attacken und die irresten Ankündigungen die irreste Verbreitung" fänden. Rechtspopulismus gelte es zu bekämpfen. Von daher auch begreift Prantl seinen Text als Schrift gegen Phlegma und Fatalismus und will sie als einen Aufruf zu einer demokratischen, rechtsstaatlichen Offensive verstanden wissen, schlussendlich als einen Appell zu einer neuen Verve der Demokraten, weil nur begeistern könne, wer selbst begeistert. 

Wissen sollte man, dass eine volksnahe Politik stets gerne als populistische Politik bezeichnet wird. Doch Extremismus muss das noch lange nicht sein. Der Autor reflektiert  in diesem Zusammenhang die deutsche Kompromissfeindlichkeit, die ein Überbleibsel aus vergangenen Zeiten sei. Hier gelte es, zukünftig zu lernen. Der Kompromiss lebe von der Achtung der gegnerischen Position und vom Sinn für gesellschaftlichen Wandel, davon, dass man sich auf etwas einlasse. Der Kompromiss gehöre zum Wesen der Demokratie. Die Güte einer Politik zeige sich nicht in der Größe echter oder vermeintlicher Ideale ihrer Politiker, sondern in der Qualität ihrer Kompromisse. Wie ein solcher Kompromiss auszusehen hat, liest man in der Folge und begreift, warum Kompromisse sinnstiftend sind, auch, dass man sie volksnah vermitteln kann, sie aber für Extremisten Teufelswerk verkörpern. 

Kompromisse seien mit Donald Trump beispielsweise nicht möglich, Grund sei der populistische Rechtsextremismus, die eine Methode sei, Menschen zur Selbstentwürdigung und Entpolitisierung zu verführen. 

Der populistische Rechtsextremismus wirkt in ländlichen Gebieten stärker als in Städten. Das gilt für Deutschland und Frankreich ebenso wie für die USA. Heribert Prantl schließt daraus, dass die Welt heimatlicher werden müsse, um dem Extremismus zu wehren. Der Autor reflektiert die Verödung der kleineren Orte, der man entgegen wirken müsse, um eine andere Bevölkerungsstruktur zu ermöglichen. Dies und andere Maßnahmen, über die man im Buch Näheres erfährt, könnten dazu beitragen, dem populistischen Extremismus Einhalt zu gebieten. Volksnähe muss nicht zwingend rechtspopulistisch sein, sie kann auch unabgehoben liberale Grundwerte vermitteln. Das sollte man bedenken.  

Empfehlenswert.

Helga König

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Rezension Peter J. König: Hitlerjunge Schall- Die Tagebücher eines jungen Nationalsozialisten-André Postert- dtv

Der Autor dieses erhellenden Buches mit dem erklärenden Titel "Hitlerjunge Schall" ist André Postert, der an der Universität Duisburg-Essen Neuere und Neueste Geschichte studiert hat. Als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Hannah-Arendt-Institut an der Technischen Universität Dresden sind seine Forschungsschwerpunkte Jugendorganisationen im Nationalsozialismus und Mentalitätsgeschichte. 

Als einzigartiges Zeitdokument hat Postert die Tagebücher von Franz Albrecht Scholl, geb. 1913 ausgewertet, die dieser als Sohn eines Gymnasial- Lehrerehepaares in der thüringischen Kleinstadt Altenburg aufgezeichnet hat, als er 1930 mit 17 Jahren in die Hitlerjugend eintrat. 1932 wurde er Mitglied in der NSDAP. Seine umfassende Bildung und auch der Einfluss seiner Eltern, die ablehnend dem Nationalismus und den Nazis gegenüberstanden, konnten ihn nicht darin hindern, Karriere durch und in der Partei zu machen. 

Nach dem Abitur, einer Lehre und dem Studium wurde er Erzieher und Werklehrer an einer der Kaderschmieden des Reiches den Adolf-Hitler-Schulen in Sonthofen. Sein Glaube an Adolf Hitler, den Nationalsozialismus und die Treue zur Ideologie konnten auch seine aufkommenden Zweifel durch die Fronterlebnisse nicht erschüttern, zu sehr stand Schall im Bann der Rhetorik der NS-Ideologie und den Inszenierungen, die seine Jugend und sein Ausbildungsstadium nicht löschbar geprägt hatten. 

Dass sein Vater, Jugendfreund und Studienkollege des großen Schriftstellers Hermann Hesse und Teil der intellektuellen Oberschicht von der Gestapo in Haft genommen wurde, ließen bei dem jungen Franz Albert Schall ebenfalls keine Zweifel an den Nationalsozialisten aufkommen. Dies setzte sich auch fort nach dem Untergang des Dritten Reiches, als 1945 zwar das politische System zerbrochen war, die Ideologie der Nazis in den Köpfen und den Herzen aber ungebrochen weiter existierte. 

So auch bei Schall, der bis zu seinem Tod im Jahre 2001 unverbrüchlich die Anschauungen und Werte der Nazis verkörperte. Damit stand Franz Albert Schall beileibe nicht allein, denn die Ideologie der Nationalsozialisten wurde weder durch die Entnazifizierung, noch durch die Aufklärung in den Schulen in den anschließenden Jahrzehnten restlos ausgeräumt, ganz im Gegenteil. 

André Postert versucht nun in seinem Werk "Hitlerjunge Schall" an Hand der Aufzeichnungen und Tagebücher nachzuvollziehen, wie es möglich war, dass ein gebildeter Heranwachsender derart in den Sog der Nationalsozialisten geraten konnte. Aufklärung sollen dabei die Notizen bringen, die Zeugnis ablegen von den tiefen Eindrücken, die der junge Mann von den Politischen Vorträgen, den Aufmärschen, der persönlichen Begegnung mit Hitler in den Anfangsjahren, den Massenveranstaltungen und den Wanderfahrten erlebt hat. Dabei spielt der Aufbruch in eine vermeintliche Neue Zeit ebenso eine wesentliche Rolle, wie die Kameradschaft mit dem Zusammengehörigkeitsgefühl und die suggerierte Überlegenheit in der Masse. 

Aber auch die unbedingte Gläubigkeit, die uneingeschränkte Begeisterung und ein unerschütterlicher Optimismus sind die Gründe, warum ein scheinbar aufgeklärter junger Mann sich total der NS-Ideologie mit all seinen Folgen verschrieb und auch dann noch nicht davon ablassen konnte, obwohl klar war, was diese den Deutschen und Millionen von Menschen in Europa und aller Welt angetan hat. 

Ob Krieg, Vernichtung von Juden, Sinti und Roma, Homosexuellen und Zwangsarbeitern, nichts konnte letztendlich die Gehirnwäsche ausmerzen, die durch die Infiltration in den Köpfen der jungen Menschen durch die "Nationalsozialistische Bewegung" stattgefunden hatte. Um einen tieferen Eindruck davon zu vermitteln, darum geht es in diesem Buch, das durch die persönlichen Aufzeichnungen, Protokolle und Tagebuch-Eintragungen ziemlich direkt zeigt, was es eigentlich war, dass den Hitlerjungen Schall so fasziniert hat. 

Sehr empfehlenswert 

Peter J. König

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Rezension: Der schmale Grat der Hoffnung- Jean Ziegler- C. Bertelsmann

Jean Ziegler, der Autor dieses Buches, ist emeritierter Professor der Universität Genf. Bis 1999 war er Abgeordneter im Eidgenössischen Parlament und von 2000 bis 2008 UN- Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung. Derzeit ist er Vizepräsident des beratenden Ausschusses des UN- Menschenrechtsrates. Jean Ziegler wurde mit diversen Ehrendoktoraten und internationalen Preisen ausgezeichnet. 2008 erhielt er den Internationalen Literaturpreise für Menschenrechte. 

Das Buch "Der schmale Grat der Hoffnung" trägt den Untertitel "Meine gewonnenen und verlorenen Kämpfe und die, die wir gemeinsam gewinnen werden" und wurde von Hainer Kober aus dem Französischen übertragen. Das Werk ist ein autobiographisches Buch. Der Autor hat es seinen Freunden gewidmet, die er im Einzelnen aufzählt. 

Im Vorwort bereits lässt er seine Leser nicht im Ungewissen, dass der Dritte Weltkrieg gegen die Völker der Dritten Welt längst begonnen habe. Ziegler spricht von winzigen kapitalistischen Oligarchien, die über nahezu grenzenlose Macht verfügen und sich geradezu jeder staatlichen, gewerkschaftlichen und gesellschaftlichen Kontrolle entziehen. Diese Oligarchien bemächtigen sich des weitaus größten Teils der weltweiten Reichtümer und zwingen den Staaten der Erde nur ihr Gesetz auf, so der Autor. Ziegler ist sich sicher, dass das Kollektivbewusstsein trotz neoliberaler Wahnideen, die die Oligarchien verbreiten, durchdrungen ist von der Vorstellung der Gleichheit aller Menschen und er ahnt, dass der Aufstand des Gewissens nah ist. 

Jean Ziegler benennt die Ahnherren der UN-Charta, als da sind Rousseau, Voltaire, Diderot, d` Alembert und Montesquieu und betont, dass die multilaterale Diplomatie ihre Grundprinzipien der Aufklärung verdanke. 

Das Buch ist in 9 Kapitel untergliedert. Dabei geht es zunächst um die Entwicklungsziele, die die UNO 2016 in ihrer Agenda 2030 zur Überwindung der gegenwärtigen kannibalischen Weltordnung festgelegt hat. Ziegler untersucht hier als Symptom der Ordnung die miese Praxis der Geierfonds. Die Eigentümer dieser Fonds gehörten zu den schlimmsten Beutejägern des kapitalistischen Systems. Weshalb das so ist, wird an Beispielen erläutert. 

Wie Ziegler weiter schreibt, besaßen 2015 1 Prozent der reichsten Personen der Erde mehr Vermögenswerte als 99 Prozent der restlichen Menschheit und das Eigentum der 62 reichsten Multimilliardäre des Planeten  habe den Besitz der ärmeren 50 Prozent seiner Bewohner übertroffen. Offenbar sind die Ursachen hierfür in der Aufhebung staatlicher Normativität, Abschaffung der Bankkontrollen, Entstehung privater Monopole, ungehemmter Ausbreitung von Steueroasen etc. begründet. 

Im zweiten Kapitel berichtet Jean Ziegler von den Kämpfen, die er ausgefochten hat und hier in den letzten 25 Jahren im Wesentlichen auf den Schlachtfeldern der UNO. Im dritten und vierten Kapitel reflektiert er die Gründungsprinzipien und die Entstehungsgeschichte der UNO. Dabei sollte man wissen, dass die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte der UNO eine beinahe deckungsgleiche Kopie der Erklärung der Menschen und Bürgerrechte der Französischen Revolutionäre von 1789 ist. 

Es führt zu weit, nun alle Kapitel des Buches detailliert zu beleuchten, sich beispielsweise mit imperialen Strategien hier näher zu befassen, über die der Autor im Buch auch schreibt. Interessant sind Zieglers Überlegungen zur universellen Gerechtigkeit, so etwa auch wie die Richter an den verschiedenen internationalen Gerichtshöfen der UNO Recht sprechen. Interessant sind zudem die Betrachtungen zu Kämpfen, die es gemeinsam zu gewinnen gilt.

Die kannibalische Weltordnung in Frage zu stellen und in der Folge das Leid auf dieser Welt zu minimieren, darum geht es. Das Buch zeigt Wege auf, wie dies zu erreichen ist. Einfach allerdings ist das ganz und gar nicht.

Überaus empfehlenswert. 
Helga König

Überall im Handel erhältlich

Rezension Peter J. König: Tom Holland Dynastie Glanz und Elend der Römischen Kaiser von Augustus bis Nero Klett-Cotta

Der Autor dieses großartigen Werkes ist Tom Holland. Er studierte in Oxford Geschichte und Literaturwissenschaften und hat bereits mit mehreren Büchern zur antiken Geschichte sich einen Namen gemacht und dafür zahlreiche Preise erhalten. 

Mit seinem neuesten Werk: "Dynastie - Glanz und Elend der Römischen Kaiser von Augustus bis Nero" gibt er einen sehr anschaulichen Überblick über eine Epoche der Römischen Kaiserzeit. Keine Weltmacht in der Geschichte hat jemals eine solche Machtfülle, einen solchen Einfluss auf die bestehende Weltordnung und eine solche Dauerhaftigkeit erreicht wie das Römische Reich. 

Mit etwa 1400 Jahren Existenz ist Rom in der ganzen Menschheits-Geschichte mit Abstand die führende Weltmacht gewesen. Von einer kleinen Siedlung am Tiber in Mittelitalien etwa 832 vor Christus ausgehend, schickte sich die erste Republik in der Geschichte an, durch permanente Eroberungszüge, zunächst auf der italienischen Halbinsel, später in allen bis dahin bekannten Erdteilen (Europa, Afrika und dem gesamten Orient), diese neuen Provinzen in sein Reich einzuverleiben. Dabei liefen alle Fäden der Macht im Zentrum der Republik in Rom zusammen. Von hier aus wurde die Weltherrschaft organisiert. Dies stellt eine einzigartige Leistung in der Geschichte da. 

Dass dieses überhaupt möglich war, hat mit der straffen, gut organisierten Staatsordnung zu tun, dem einmaligen Rechtssystem und dem über Jahrhunderte zunächst auf mehrere Schultern verteilten Machtgefüge innerhalb der staatlichen Hierarchie und natürlich der Kriegskunst, der kein anderes Volk in vielen Jahrhunderten etwas entgegen setzen konnten. Die Herrschaftsstruktur sollte sich erst ändern, als die Römische Kaiserzeit anbrach, die durch die Familien der Julier und Claudier begründet wurde, weg von der "res publica", hin zum Absolutismus eines Kaisers. Die gesamte Machtfülle, die derjenigen eines Gottes gleichkam, konzentrierte sich auf eine einzige Person, den Imperator, den Caesar, der diese uneingeschränkte Herrschaftsmacht vom Senat verliehen bekam. Hatte Julius Caesar den Titel eines Kaisers aus machttaktischen Gründen noch nicht einmal in Erwägung gezogen, um dem römischen Volk gegenüber eine Machtverteilung im Triumvirat zu suggerieren, so begann mit Imperator Caesar Augustus die Kaiserzeit im Jahre 27 vor Christus. 

Alle nachfolgenden Kaiser, so Tiberius, Caligula, Claudius und Nero fußten auf der direkten oder adoptierten Abstammung der julisch-claudischen Familien-Dynastie. Erst mit Neros vom Senat erzwungenen Selbstmord im Jahr 68 nach Christus endete die fast hundertjährige julisch-claudische Kaiserherrschaft. Kaiser standen auch danach noch bis zum Jahr 284 nach Christus an der Spitze des Römischen Imperiums, aber keine Epoche hat mehr Machtfülle, Glanz, Prachtentfaltung, aber auch Intrige und grenzenlose Mordlust und Perversion hervor gebracht, wie in der Zeit der Kaiser Augustus, Tiberius, Caligula, Claudius und Nero. 

Der Autor Tom Holland hat in seinem Werk "Dynastie" alle Facetten dieser Zeitepoche sehr akribisch, informativ, anschaulich und spannend dargestellt, um so die Zusammenhänge, der überaus verschachtelten Familien-Geschichte bestens nachvollziehbar dem Leser nahe zu bringen. Dabei geht er sehr genau in die Details, nicht nur was die brutalsten Machenschaften um die Macht innerhalb der Familien anbetrifft, so hat Nero seine Mutter, seine Schwestern und sein ungeborenes Kind und seinen Lehrer und Freund den Philosophen Seneca ermordet oder ermorden lassen, er beschreibt auch ganz offen, welchen Perversionen die einzelnen Kaiser frönten, zunächst im Verborgenen, wie etwa Tiberius auf Capri, wo er seine pädophilen und sadistischen Altersfantasien auslebte, später ganz offen mitten in Rom, wenn von Caligula öffentliche Orgien gefeiert wurden und Nero Rom anzünden ließ, die Christen als Täter brandmarkte, um sie anschließend als lebende Fackeln bei Festgelagen in seinen Gärten mit Teer überzogen, zu verbrennen. 

Tom Holland erzählt in seinem Buch auf sehr kurzweilige Art einen überaus wichtigen Teil aus der römischen Geschichtsschreibung. So bekommt der Leser einen fundierten Eindruck dieser Zeit und seiner beherrschenden Akteure, aber auch was es bedeutet hat, ein solches Riesenreich auf der Höhe seiner größten Ausdehnung unter Kontrolle zu haben. Darüber hinaus wird verdeutlicht zu welcher Brutalität die Herrscher jener Zeit fähig waren. 

Dem Autor ist es bestens gelungen auf romanhafte Art die komplexen Zusammenhänge der römischen Kaiserzeit zu erzählen und so auch dem weniger informierten Leser größte Aufmerksamkeit zu entlocken. 

Sehr empfehlenswert 

Peter J. König

Überall im Fachhandel erhältlich

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Rezension: Sinnstifter- Wie Unternehmen davon profitieren, soziale Verantwortung zu übernehmen.- Jürgen Schöntauf- Campus

Der Autor dieses Buches ist der Zukunfts- und Megatrendexperte Jürgen Schöntauf. Der studierte Kommunikationsdesigner ist Inhaber einer Kommunikationsagentur. Er berät seit mehr als zwanzig Jahren Unternehmer und Führungskräfte und lädt seine Klientel durch seine neue Publikation ein, Sinnstifter zu werden. 

Der Titel des Werkes lässt bereits aufhorchen und uns darüber nachdenken, was sich hinter dem Begriff "Sinnstifter" verbergen könnte. Auf Firmenchefs bezogen,  definiert der Autor den Begriff wie folgt: "Sinnstifter sind Unternehmer, die erkennen, dass ihre Unternehmen keine Inseln sind, sondern eingebunden in Gesellschaft und Umwelt."

Schöntauf erinnert eingangs sogleich an den Psychiater Viktor E. Frankl, der in der NS-Zeit die Inhaftierung in den Konzentrationslagern überlebte. Dieser definierte den Mensch als sinnsuchendes Wesen, das einen sinnvollen Beitrag leisten möchte. Dabei muss man wissen, so Schöntauf, dass Sinn weder "herstellbar" noch konsumierbar ist, sondern dass es sich bei ihm um einen Prozess, gewissermaßen um eine Suche handelt. Sinn sei das Ergebnis von Einsichten, Haltungen und Wertorientierungen, die in einen unternehmerischen und gesellschaftlichen Kontext eingebettet seien. 

Das Buch ist in vier große Teile untergliedert und enthält neben einer Fülle von Informationen und Reflektionen aufschlussreiche Interviews mit Firmeninhabern, die sich als Sinnstifter erweisen, d.h. die es geschafft haben, in ihrem Unternehmen Sinnstiftung und Profit erfolgreich miteinander zu verbinden. Finanzieller Gewinn ist für jedes Unternehmen unumgänglich, um Arbeitsplätze zu schaffen oder auch um in eine umweltverträgliche Produktion und in entsprechende Produkte zu investieren, Sinnstiftung habe viele Gesichter. Wie einige davon ausschauen, wird im vorliegenden Werk näher dargelegt und zwar deshalb, weil Untersuchungsergebnisse gezeigt haben, dass Unternehmen, die sich nicht mit Sinnstiftung befassen, in Zukunft nicht mehr von Belang sein werden. Sinn ist also ein Garant dafür zu überleben.

Wie der Autor hervorhebt, sind die Konsumenten aus ihrem Dornröschenschlaf erwacht und erwarten nun von Unternehmen Moral, Verantwortung und legales Verhalten, kurzum, die Gesellschaft erwartet von den Firmen mittlerweile einen gesellschaftlichen Wertebeitrag.  Wie dieser ausschauen könnte, ist Gegenstand der vorliegenden Publikation. 

Jürgen Schöntauf schreibt zunächst über diverse Megatrends. Bei der Betrachtung dieser Trends geht es um die Frage, wie Wandel entsteht und verläuft. Das Zukunftsinstitut von Matthias Horx, dessen Hauptsitz Frankfurt ist, nennt diesbezüglich einige Kriterien. Die Megatrends sind für die Veränderung ganzer Gesellschaften verantwortlich. Zwölf Megatrends sollen unser Leben bestimmen. Zu ihnen zählen die Megatrends "Gender Shift" und "Urbanisierung", die Schöntauf näher erklärt. In diesem Zusammenhang ist das Interview mit Andrea Lunzer von der Maß- Greißlerei in Wien sehr erhellend. Hier wird gezeigt, wie sinnstiftend es sein kann, Produkte unverpackt anzubieten und damit das Ökosystem, in dem wir leben, zu verbessern, aber auch glaubwürdig Produkte zu vermarkten. 

Schöntauf reflektiert in der Folge, was Werte sind,  auch wie Werte entstehen und macht deutlich, dass sie nur dann langfristig wirksam werden, sofern man sie glaubwürdig vorlebt. Dabei nimmt Wertortientierung ihren Anfang bei der Achtsamkeit. In Unternehmen gilt es Kernwerte zu erkennen, sie glaubhaft zu leben und zu kommunizieren. 

Sieben "MindShifts-Steps", sprich Gedankensprünge, hat Jürgen Schöntauf bei Sinnstiftern beobachtet. Er listet diese zunächst auf, erläutert sie alsdann sehr  facettenreich in der Folge und zeigt anhand von Interviews mit entsprechenden Sinnstiftern den jeweiligen Erfolg. 

Es geht bei den "MindShifts" konkret um:
1. Kultur und Werte 
2. Führung
3. Vernetzung
4. Beziehungen 
5. Leidenschaft 
6. Bildung 
7. Gewinn 

Beim 4. MindShift wird beispielsweise u.a. Wertschätzung, Respekt und Anerkennung für Mitarbeiter zur Sprache gebracht, weil diese Faktoren nicht zuletzt wichtig sind, um Fehlzeiten, Krankheitskosten etc. zu minimieren. Wer Werte ernst nimmt, - das darf nicht verschwiegen werden- verfügt über einen Wettbewerbsvorteil und hat in diesem Zusammenhang nicht zuletzt bessere Beziehungen im Unternehmen, aber auch zu Kunden, Lieferanten und Investoren. 

Wie Dr. Nikolaus Förster (Impulse Medien in Hamburg) in seinem Interview meint, benötigt ein Unternehmen, um erfolgreich zu sein "Wertorientierung, Ziele, Unternehmenskultur und Storytelling." Weiter lässt er die Leser wissen: "Werte sind die Grundlage, dazu braucht man konkrete Ziele, das Visioning. Die Unternehmenskultur muss so gut sein, dass die Ziele auch erreicht werden, und Storytelling ist die Kommunikationsform, die sowohl nach innen als auch nach außen wirkt. Dann hat man sehr gute Chancen, nachhaltig erfolgreich zu sein." (S.183) 

Wie wichtig Bildung ist, wird auch verdeutlicht. Sie ist einer der bedeutendsten Schritte, um soziale Verantwortung zu übernehmen. Zudem fördert Bildung die Kreativität und bringt Innovation hervor.
Ob Bildung glücklich macht, sei dahin gestellt.

Klar wird beim intensiven Studieren des Buches, dass durch Werteorientierung und damit einhergehendem sinnstiftendem Verhalten die Wettbewerbsstärke verbessert werden kann und zugleich ein vernünftiges Miteinander entsteht, das ein Verhalten ablöst, das letztlich keine überzeugenden Perspektiven bereithält, wie die jüngste Vergangenheit vielerorts zeigte. 

Es ist lohnenswert, Gedankensprünge zu machen und die Perspektive zu wechseln. Weg vom neoliberalen Egogebaren, hin zur Werteorientierung und der  immer jungen und sehr attraktiven Idee der sozialen Marktwirtschaft, die  in den Gedanken Jürgen Schöntaufs stets aufs Neue aufleuchtet.


Sehr empfehlenswert. 

Helga König

Überall im Handel  erhältlich

Onlinebestellung: Campus oder Amazon
Homepage Jürgen Schöntauf: http://www.juergenschoentauf.com/

Rezension: Europa ist die Lösung- Churchills Vermächtnis- Frank- Walter Steinmeier

Der deutsche Außenminister Frank-Walter Steinmeier nimmt in diesem Buch Bezug auf die berühmte Rede, die Winston Churchill am 19. September 1946 an der Universität Zürich gehalten hat und in der dieser dafür plädierte, dass es ein beständiges Ziel sein müsse, die Vereinten Nationen aufzubauen und zu festigen. Churchills Denken ging damals so weit, die europäische Völkerfamilie in einer regionalen Organisation zusammenzufassen. Er schlug vor, diese, "Vereinigte Staaten von Europa" zu benennen. 

Als 1. praktischen Schritt empfahl er die Gründung eines Europarates, auch wenn zu Beginn nicht alle Staaten betreten wollten oder könnten. Aufgabe der beigetretenen Staaten sei es, letztlich alle Staaten zusammenzuführen. Für Churchill stand fest, dass auf dieser Grundlage sich das Kriegsrisiko minimierte. Deutschland und Frankreich sollten nach seiner Vorstellung die Führung übernehmen, während Großbritannien, das britische Commonwealth, die USA und Sowjetrussland sich als Förderer und Freunde des neuen Europas erweisen sollten. 

Die gesamte Rede ist zu Ende des vorliegenden Buches abgedruckt und dient zum besseren Verständnis von Steinmeiers brillantem Text. 

Für den Außenminister sind die Jahre 1946 und 2016 Wegscheiden in Europa, weil wir damals wie heute mit viel Verunsicherung und Ungewissheit in die Zukunft blickten. Seit damals habe sich die Welt verändert, denn in jenen Tagen prägte die Blockkonfrontation das Denken, während heute Globalisierung, Vernetzung und Entgrenzung den Lebensalltag in Europa darstellten. 

Wie Steinmeier betont, sind die Herausforderungen der Gegenwart gemessen an jenen von 1946 klein, allerdings sei die europäische Stimmung erschreckend kleinmütig geworden. Die Gründe hierfür nennt Steinmeier und fasst zusammen "Sezession statt Expansion, schwelende Krisen statt wachsende Stabilität – dies scheinen die europäischen Signaturen der Gegenwart zu sein."

Diese pessimistischen Betrachtungen müsse man ernst nehmen, weil sie die veränderte Stimmung der Bevölkerung wiederspiegelten. 

Steinmeier Reflektionen zu Churchills Rede in der Folge, lohnt es sehr aufmerksam zu studieren, denn sie machen, wie eingangs bereits erwähnt, die Aktualität der damaligen Gedanken deutlich. Der deutsche Außenminister überdenkt nicht nur die historische Entwicklung nach 1946 und den Weg, der zur Krise führte, sondern stellt auch die Frage, welche Zukunft Europa haben soll und wie man sich aus der Krise herausbewegen könne. Dabei müsse Europa auch zeigen, dass es vereint sicherer sei. Eine gemeinsame Außenpolitik sei notwendig, die über das Sprechen mit einer Stimme hinausgehe. Steinmeier plädiert für die offene Gesellschaft, in der man Vorkehrungen für den schlimmsten Fall treffen müsse, anstelle den besten herbeizusehnen. 

Damit dokumentiert er Realismus, der in einer Welt grenzenloser Gier kein Zeichen von Verzagtheit darstellt, sondern unfraglich ein Indiz für vorausschauendes Denken ist, auch wenn mir das Denken als Pazifistin Bauchschmerzen bereitet. 

Sehr empfehlenswert 

Helga König

Das Buch ist überall im Handel erhältlich
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Rezension: Peter J. König: Griechenland unter Hitler- Das Leben während der deutschen Besatzung 1941 – 1944 Mark Mazower -S. Fischer

Der Autor dieses Buches, erschienen im S. Fischer Verlag mit dem Titel "Griechenland unter Hitler, das Leben während der deutschen Besatzung 1941 – 1944" ist der Historiker Mark Mazower. Er hat in Oxford und Bologna studiert, lehrte an der Birkbeck University of London und in Princeton und ist heute Professor für Geschichte an der Columbia University, New York. 

In seinem Werk betrachtet er akribisch, wie die Nazis Griechenland überfallen und mit welchen mörderischen Methoden sie während der Besatzung das Land und die Menschen ausgebeutet haben. Im Gegensatz zu den Italienern, sie hatten den südwestlichen Teil des Landes okkupiert und ohne massive Repressalien verwaltet, wurde der Nordosten Griechenlands von der deutschen Armee mit brachialen Mitteln unterdrückt. Der sich daraus entwickelnde Widerstand hatte Mord und Raub an der Zivilbevölkerung zur Folge, wobei weder die SS-Einheiten noch die reguläre Truppe es an Willkür und Brutalität fehlen ließen. 

Hinzu kam die systematische Vertreibung und Ausrottung der jüdischen Bevölkerung, zunächst in dem von der deutschen Wehrmacht besetzten Teil im Nordosten von Griechenland und auf den griechischen Inseln, später dann als die Italiener sich aus Griechenland zurückgezogen hatten im ganzen Land. Dabei wurden die griechischen Juden in Viehwaggons ins Vernichtungslager Ausschwitz nach Polen deportiert, ihre Häuser samt aller Habseligkeiten auf obskure Weise unter den Kollaborateuren in der griechischen Bevölkerung verteilt. Weder die SS noch die sonstigen Wehrmachtsangehörigen haben dabei sich an irgendwelche rechtlichen Normen gehalten, etwa Kriegsrecht, ganz im Gegenteil, sie haben gemordet, vergewaltigt, geraubt und sonstige Gräueltaten an der Bevölkerung verübt. 

Dabei war es völlig gleichgültig, ob es sich um Vergeltungsaktionen aufgrund von Partisanenangriffen gehandelt hat, oder ob es dabei nur um die reine Mordlust brutalster Führungsoffiziere gegangen ist. Einhergehend wurden ganze Dörfer in Brand gesteckt, Alte, Frauen und Kinder auf bestialische Weise erschossen oder aufgehängt, nur um zu erfahren ob die wehrfähigen Männer sich dem Widerstand angeschlossen hatten. Alles Verwertbare, sei es Vieh, Nahrung wie Olivenöl oder Getreide, aber auch sämtliche Wertgegenstände in den Häusern wurden eingesammelt und weggeschleppt. 

Auf diese Weise ist nicht nur der Widerstand gegen die deutschen Besatzer angefacht worden, es entstand ein Hass gegen alles was deutsch war, der heute noch in der griechischen Bevölkerung in Erinnerung ist. Die Nationalsozialisten haben in brutaler Weise die griechische Bevölkerung unterdrückt und die Spuren ihres Handelns sind bis heute noch sichtbar, sowohl in der wirtschaftlichen Misere, als auch in den Jahrzehnte langen Folgen des Bürgerkriegs, der sich nach dem Abzug der Deutschen im Land abgespielt hat. 

Während Russland versucht hat seinen kommunistischen Einfluss in Griechenland zu manifestieren, durch die Unterstützung des linken Widerstands, haben die Nazis mit Hilfe von willigen Kollaborateuren westlich orientierte Schutztruppen im Land zuvor aufgebaut. Dies führte zur Spaltung der Bevölkerung und zu einem blutigen Bürgerkrieg, der an Brutalität mit den nationalsozialistischen Besatzern gleich kam. 

Noch heute leidet das griechische Volk an den Folgen und an der Polarisierung von links und rechts, zumal auch das Militär geputscht hat, wenn es darum ging die eigenen Pfründe zu sichern und linke Regierungen abzusetzen. Der Autor Mark Mazower hat sehr anschaulich beschrieben, welches Leid, welches Chaos und welche Angst die Nazis in der griechischen Bevölkerung durch ihre barbarischen Taten ausgelöst haben. Dabei stützt er seine Aussagen auf eine Fülle von verlässlichen Quellen, wobei ihm die deutsche Gründlichkeit sehr zur Hilfe kam, denn alle Aktionen, seien sie noch so brutal und unmenschlich wurden von den deutschen Besatzern akribisch registriert und auf notiert. 

Durch diese Akten war es Mazower möglich, den grausamen Alltag der unterdrückten Griechen in seinem Buch deutlich zu machen und aufzuzeigen welches Leid den unzähligen Familien in Griechenland durch die Deutschen angetan wurde. Bei einem solchen Hintergrund wird auch klar, warum das Verhältnis der Griechen zu Deutschland noch immer unterschwellig belastet ist. 

Sehr empfehlenswert 

Peter J. König

Überall im Fachhandel erhältlich

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Rezension: Russensommer- Cornelia Schmalz-Jacobson

Die 1934 in Berlin geborene Cornelia Schmalz-Jacobson arbeitete als Journalistin und war von 1988 bis 1991 Generalsekretärin der FDP. Weiterhin war sie u.a. Senatorin von Berlin, Mitglied des Deutschen Bundestages und von 1991- 1998 Ausländerbeauftragte der Bundesregierung. Heute lebt sie als freie Autorin in Berlin und ist ehrenamtlich in internationalen, humanitären Organisationen tätig. 

In ihrem spannend zu lesenden Buch erinnert sie sich an ihre Befreiung vom Nazi-Regime. Cornelia Schmalz-Jacobsen erlebt das Kriegsende in Mecklenburg- Vorpommern im Haus ihres Onkels.  

Sie ist die Tochter von Nazigegnern, deren Eltern Juden und Polen versteckten und die früh bereits begriff, welch abgründige Personen diese Nazis waren. Sie berichtet von ihrer Angst vor Bomben als Neunjährige als sie 1943 in Berlin Luftangriffe miterlebte. Noch heute erinnern sie manche Silvesterraketen eines ähnlichen Pfeiftons wegen an diese Bomben. Noch heute kann sie diese Geräusche nur schwer ertragen, weil sogleich die Bilder von Krieg und Zerstörung vor ihrem geistigen Auge erscheinen. 

Die kleine Cornelia wird zu ihrem Onkel auf den Darß in Sicherheit geschickt, wo sie das Leben zunächst als Idylle wahrnimmt. Aber sie erinnert sich auch an das, was sie in der Schule damals erlebte und wie man den Kindern Hitler als eine Art Gottfigur vermittelt hat. Der Unterricht war also nicht frei von Ideologie und Gehirnwäsche, wie sie  bestätigt. 

Cornelia ist ein hellwaches Kind, das vieles wahrnimmt, auch die "dunklen Flecken". So gab es auf dem Darß zwei Außenlager des Konzentrationslagers Neuengramme in Hamburg und in der Stadt Barth Tausende von Zwangsarbeitern, die Sklavenarbeit verrichten mussten. Mehr als zweitausend von ihnen sollen gestorben sein. Sie schreibt von dem Denunziantum im Hitlerstaat  und von den Delikten, die bei den Zwangsarbeitern mit dem Tod endeten. Eines davon war der Geschlechtsverkehr mit einer deutschen Frau. 

Die Autorin berichtet von der Legendenbildung der Nazis im Hinblick auf die Rote Armee und der geschürten Angst vor den russischen Soldaten. Sie schreibt aber auch wie die Rote Armee die Verwüstung ihrer Heimat erlebt hat und  von der Befreiung der Konzentrationslager östlich der Oder durch russische Soldaten. Bei aller berechtigten Wut der Befreier soll es nach Erfahrung der Autorin am Ende des Krieges auch mitfühlende Sowjetsoldaten gegeben haben, die deutsche Kinder und Frauen retteten. Für die meisten Deutschen sei dies unvorstellbar gewesen. Das Kind von Nazigegner empfindet die Befreiung als positiv.

Schmalz-Jacobsen schreibt von Zigtausenden von Selbstmördern in Deutschland, zu Ende des Krieges. Dieser Wahnsinn sei bis heute noch nicht aufgearbeitet worden. Von dieser Selbstmordepidemie las ich im vorliegenden Buch übrigens erstmals. Es zeigt erneut den Fanatismus der braunen Brut, die das ganze Land ideologisch kirre gemacht hatte. 

Äußerst lesenswert ist der Eindruck von der Befreiung vom Nazi-Regime durch russische Soldaten. Die liberale Autorin  ist nicht blind, sondern versucht, ihre Eindrücke fair wiederzugeben, auch das, was im Unterdrückungsstaat DDR dann folgte und kommt zum Ergebnis, das die Befreiung von NS-Regime noch lange nicht Freiheit bedeutet hat, wie man am Beispiel der DDR sehr gut erkennen konnte. Doch eine Befreiung war es allemal.

Das Buch empfehle ich gerne, denn es ist sehr aufschlussreich. 

Helga König

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Rezension: Gegen den Hass- Carolin Emcke- S. Fischer- Verlage

Die Autorin dieses Buches ist Dr. Carolin Emcke. Die engagierte freie Publizistin wurde mehrfach ausgezeichnet und erhielt 2016 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. 

In ihrem Werk gegen den Hass schreibt sie eingangs,  das Hassobjekt sei beim Hassen der Andere, den man straflos denunzieren, missachten, verletzten oder töten könne. Hass, von dem im Buch die Rede ist, ist nicht individuell und auch nicht zufällig, sondern kollektiv und ideologisch geformt. 

Das Klima des Fanatismus spielt dabei eine große Rolle. Aus ihm entstehe eine wachsende Verachtung gegen alles Abweichende. Diese breite sich aus und beschädige nach und nach alle. Das hängt auch mit dem Verstummen der Beobachter zusammen, die sich u.U. einschüchtern lassen, nicht zuletzt, weil sie nicht wüssten wie sie diesem Terror und Gebrüll begegnen sollen. 

Dr. Emcke beobachtet zutreffend, dass jene, die dem Hass ausgeliefert sind, zunächst einmal verstört seien und ihnen deshalb die Orientierung aber auch das Vertrauen abhandenkäme. 

Wer Hass mit Hass begegne, lasse sich allerdings verformen. Man könne letztlich auf Hass nur mittels genauen Beobachtens, nicht nachlassendem Differenzieren und Selbstzweifel antworten. 

Nach Ansicht der Autorin genügte es schon, wenn den Hassenden die Selbstgewissheit  und jenen, die den Hass vorbereiten, indem sie die Denk- und Blickmuster prägten, ihre fahrlässige Naivität und ihren Zynismus genommen werde.  Das bedeute nicht zuletzt, dass beispielsweise jene, die sich selbstverständlich notleidenden Menschen zuwenden, keine Gründe mehr für ihr Handeln zu liefern bräuchten, sondern vielmehr jene, die das Selbstverständliche verweigerten. Man müsse die Strukturen, in denen Hass entstehe, aufzeigen, die Quellen des Hasses analysieren und sich bewusst machen, dass Hass geschürt und kanalisiert werde. 

Wer Hass abbauen möchte, muss Möglichkeiten aufzeigen,  wie man ihn beispielsweise unterwandert. Wichtig scheint zu sein, sich nicht vereinzeln zu lassen, indem man sich ins Geschützte abdrängen lässt. Notwendig ist, den Hassenden den sozialen und öffentlichen Raum auf keinen Fall zu überlassen.

Dr. Emcke schreibt in ihrem Buch über das bedenkliche Besorgtsein des "besorgten Bürgers", dessen Sorge die ihr mitunter innewohnende Fremdenfeindlichkeit ummantele und sie vor jedweder Kritik schütze. 

Clausnitz ist ein Thema des Buches  und die Ideologie, die zum Hass dort führt. Es wird klar, dass man die Diskurse betrachten muss, in denen die Muster sich entwickeln, die Hass auslösen. Assoziationsketten, die in den Medien entstehen, spielen eine Rolle,  so etwa Vorurteile durch Berichterstattung u.a.m. 

Hass und Angst schürten jene, die sich Gewinn versprechen. Dem kann man nur zustimmen und das kann man auch  nicht oft genug sagen und an Beispielen belegen. 

Die Autorin macht u.a. den Leser mit institutionalisiertem Rassismus vertraut und wirbt für die Lust und die Freude an der Vielfalt. Die Akzeptanz der kulturellen, religiösen und sexuellen Verschiedenheit sind ein Hemmschuh für Hass, der dort auftritt, wo Fanatiker in ihrem Dogmatismus Eindeutigkeit fordern. 

Was bleibt zu tun?  Ganz klar: Gegen den "Hass aufzubegehren, sich im Wir zusammenzufinden, um miteinander zu sprechen und zu handeln…."

Packen wir es an.  Hass hat es  in unserem Land bereits genug gegeben. 6 Millionen ermordete Juden waren die Folge fatalen Hasses.  Das muss man sich bewusst machen und das muss  uns wachrütteln.

Sehr empfehlenswert 

Helga König

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Rezension:Wert und Würde: Ein Zwischenruf (Kindle Edition)

"Je mehr über Werte gesprochen wird, desto weniger spielen Menschenrechte eine Rolle." (Eva Maria Bachinger, Martin Schenk),

Autoren dieses lesenswerten Zwischenrufes sind die Journalistin und Autorin Eva Maria Bachinger sowie der Journalist und Autor Martin Schenk. Er ist Psychologe und Sozialexperte der Diakonie und Mitbegründer des Anti-Armut-Netzwerks "Die Armutskonferenz". Für sein Engagement hat er zahlreiche Preise und Auszeichnungen erhalten und schreibt regelmäßig für verschiedene Tageszeitungen. 

Vor einigen Tagen erst hat mich ein Facebookfreund auf die Problematik des Wertebegriffs aufmerksam gemacht. Durch vorliegenden Zwischenruf nun ist mir klar geworden, dass Werte und Menschenrechte offenbar wenig miteinander zu tun haben und insofern auch nichts mit Ethik und Moral gemein haben. Wie die Autoren unterstreichen, verhält es sich sogar so, dass je mehr über Werte gesprochen werde, umso weniger spielten Menschenrechte eine Rolle. Das zeige sich auch in Europa immer deutlicher. 

Wissen muss man, dass der Begriff "Werte" nicht aus der Ethik, sondern aus der Ökonomie kommt und der Wertebegriff den Menschen zum Spekulationsobjekt macht. Zu Recht fragen die Autoren, was von einer Wertedebatte zu halten ist, in der die sozialen Grundrechte missachtet und die Armut erhöht werde und machen dies an Beispielen deutlich. 

Soziale Ausgrenzung führt zum Wunsch nach Anerkennung Es stimmt, "wo wir gestalten können, Anerkennung erfahren und sozialen Ausgleich erleben, dort wächst Vertrauen – und sinkt der Hass". Wir haben es in der Hand, ob wir im Vorkrieg leben oder im Frieden.

Ich möchte den Zwischenruf der beiden Autoren nicht zusammenfassen, sondern Sie an dieser Stelle nur bitten, ihn zu lesen und sich bewusst zu machen, was in Europa derzeit spaltend wirkt und die Menschen immens entsolidarisiert. 

Wer Parteien wählt, die die Entsolidarisierung forcieren, darf sich nicht wundern, wenn die Unruhen stärker werden und die Radikalisierung zunimmt 

Sehr empfehlenswert 

Helga König

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Rezension: Identität – Franz-Rudolf Esch- Das Rückgrat starker Marken

Autor dieses Buches ist Prof. Dr. Franz –Rudolf Esch. Die Zeitschrift "Absatzwirtschaft" nennt ihn den bekanntesten lehrenden Martketingforscher in Deutschland.

Im vorliegenden Buch schildert er seine persönliche Sicht des Aufbaus und der Stärkung von Marken. Diese basiert auf 25 Jahren Forschung und Beratung in punkto Marken. In besagtem Zeitraum hat er mehr als 400 Markenprojekte für unterschiedliche Unternehmen begleitet. 

Sein Werk untergliedert er in fünf große Teile. Diese  nennt er: 

-Von großen Persönlichkeiten und starken Marken
-Identität bilden 
-Identität wirksam umsetzen 
-Markenwachstum identitätskonform gestalten 
-Identität wahren 

Im ersten Kapitel erfährt man u.a., was große Persönlichkeiten auszeichnet, dass diese für klare Werte stehen, über eine klare Identität und eine ebensolche Vision verfügen. Das ist bei Marken im Kern nicht anders, wie Esch darlegt. Der Wert eine Marke liegt in den Köpfen der Kunden. Starke Marken sind nicht nur bekannt, sondern auch akzeptiert und leicht abrufbar. Man erfährt u.a., weshalb sie über ein klares Image verfügen und sich durch eine Vielzahl von Kennzeichnen, die näher genannt werden, von schwachen Marken unterscheiden.

So verbindet man mehr Assoziationen mit einer starken Marke und auch mehr bildhafte Vorstellungen, zudem sind starke Marken mit  weitaus mehr positiven und emotionalen Inhalten verknüpft. Zu solchen Marken bauen Kunden eine Bindung auf.

Nicht nur bei Persönlichkeiten, sondern auch bei Marken geht es um Identität. Diese nämlich ist die Voraussetzung für Authentizität. Markenauthentizität drückt sich aus in: Kontinuität, Glaubwürdigkeit, Integrität und Symbolismus. 

Bewusst sein sollte man sich, dass keine Marke ohne eine konkrete Leistung oder Idee oder ein Geschäftsmodell auskommt. Von daher ist es wichtig,  den Zweck und die Grundsätze eines Unternehmens festzulegen und die Identität der Marke zu bestimmen. Der Autor verdeutlicht, welche Fragen man sich stellen muss, um den Fokus und die Position der Marke zu bestimmen und wie man langfristige Positionen aufbauen kann. 

Es führt zu weit, im Rahmen der Rezension auf alle Betrachtungen im Buch einzugehen oder sie auch nur zu benennen. Besonders wichtig scheint mir das Kapitel, das sich mit der wirksamen Umsetzung von Identität befasst. Hier sollte man natürlich die Kundenbedürfnisse nicht aus den Augen verlieren. 

Wie man die richtigen Mitarbeiter ins Boot zieht und die Markenwerte durch Online-Plattformen und im Bewerberprozess vermittelt, erfährt man ebenso wie das, was erfolgshemmend wirkt. Gezeigt wird u.a., woran man Marken wieder erkennt und wie man sie sichtbar macht, wie die Marke zum Gesprächsstoff der Massen wird und was Menschen dazu bringt, Mundpropaganda zu betreiben und Botschaften weiterzuleiten. 

Es wird auch dargelegt wie man Marken wirksam dehnt und Allianzen bildet und schließlich wie man die Identität wahrt. 

Den Inhalt des Buches sinnstiftend umzusetzen, setzt voraus, dass man das Buch nicht nur liest, sondern am besten durcharbeitet und die Empfehlungen einfach testet. 

Wer eine große Marke gestalten möchte, die ein langes Leben hat, muss bereit sein, die Marke ständig an die Bedürfnisse der Kunden anzupassen, ohne dass sie dadurch  ihre Identität verliert. Eine Aufgabe, die Kreativität, Flexibilität und Intelligenz voraussetzt.

Sehr empfehlenswert 
Helga König

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